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Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) scheint durch soziale Medien und Zeitungen in Mode gekommen zu sein. Immer mehr Menschen diagnostizieren sich oder ihr Umfeld mit dieser Neurodivergenz. ADHS zählt mit einer Häufigkeit in der Bevölkerung von 2,6 bis 6% zu einer der häufigsten neurologischen Störungen. Für Wien hochgerechnet wären das bis zu 122.500 Menschen mit ADHS. Natürlich wird nur ein Bruchteil davon tatsächlich diagnostiziert. Subjektiv mag der Eindruck entstehen, dass es weitaus mehr sind. Aber das haben sogenannte „Modediagnosen“ an sich.

Weniger bekannt ist der Umstand, dass bei 60 bis 80% aller Erwachsenen mit ADHS mindestens eine andere psychiatrische Störung diagnostiziert wird (Sobanski 2006). Zwischen 30% und 50% der Erwachsenen mit ADHS erfüllen die Kriterien für mindestens eine Persönlichkeitsstörung, womit wir schon beim Thema Narzissmus, bzw. narzisstische Persönlichkeitsstörung wären.

Wie hängen Narzissmus und ADHS zusammen?

Gleich vorweg ist es mir ein großes Anliegen, zwischen narzisstischen Akzentuierungen und der narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) zu unterscheiden. Narzisstische Züge umfassen ein Spektrum an positiven und negativen Eigenschaften. Sobald die krankhaften und destruktiven Eigenschaften eindeutig dominant werden, spricht man von einer narzisstische Persönlichkeitsstörung. Eine NPS Diagnose, wie alle Persönlichkeitsstörungen, bleibt ein Leben lang bestehen und kann nur im Sinne von bewussten Umgang mit der Störung geheilt werden.

ADHS  ist eine neurobiologische Erkrankung, die durch Schwierigkeiten bei der Selbstregulation, Impulsivität und Konzentration gekennzeichnet ist. Die Ursache für ADHS liegt in der Genetik und wird erblich weitergegeben. Übrigens: Es gibt hier eine große genetische Überschneidung mit der Autismusspektrumstörung (ASS). Menschen mit ASS haben daher auch besonders häufig ADHS, und umgekehrt sind viele ADHS-Betroffene nahe am Spektrum.

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung in Kombination mit ADHS ist besonders spannend. Denn aus Entwicklungspsychologischer Sicht könnte die NPS ein Symptom von ADHS sein. Ein Symptom wäre also eine Krankheitsausprägung, und nicht die Ursache selbst. Ganz genau so wie Fieber nicht die Krankheit selbst, sondern das Symptom eines Infekts darstellt.

Kann Narzissmus ein Symptom von ADHS sein?

Wird eine Person mit ADHS diagnostiziert und bestehen narzisstische Züge oder gar eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, erfordert dies eine ganz andere Sichtweise. Menschen mit ADHS betreiben ein sogenanntes „Masking“ (aus dem englischen für Maskieren). Das Masking dient dazu, in der Welt der nicht-ADHS Menschen nicht aufzufallen. Menschen mit ADHS merken spätestens mit Eintritt in die Schule, wie anders sie funktionieren und wie schwer sie sich beim Lernen, mit Hausübungen, der Konzentration oder gar nur still Sitzen tun.

Das ständige ermahnen und schimpfen der überforderten Lehrkräfte und Eltern führt zu Scham und dem Gefühl „ich bin nicht gut genug“ und „ich bin komisch“ oder gar „ich bin wertlos“. Dieses vernichtende innere Urteil festigt sich über die Jahre der Kindheit immer mehr. Und um diesem Gefühl zu entkommen, kompensieren Kinder ihre gefühlte Minderwertigkeit durch ADHS mit Grandiosität. Denn wer grandios ist, kann nicht minderwertig sein. Und um grandios aufzutreten, muss man andere nieder machen.

Manche Menschen bauen Mauern aus Gold, nur damit niemand sieht, dass das Fundament aus Glas ist. – Unbekannt

An dieser Stelle ensteht also eine narzisstische Persönlichkeitsstörung als Kompensation für die neurobiologische Störung. Die Grandiosität maskiert AHDS und gibt dem Kind ein Gefühl, nicht minderwertig sein zu müssen. Natürlich fühlen sich diese Kinder innerlich immer noch minderwertig und haben große Angst, enttarnt und entblößt zu werden. Die ewige innere Scham wird also nur oberflächlich verdeckt vom Narzissmus.´

Wenn Kinder über Jahre hinweg das Gefühl des Scheiterns erleben, kann sich eine narzisstische Abwehrstruktur entwickeln. Narzissmus fungiert hierbei als eine Form des „Masking“: Ein künstlich aufgeblähtes Selbstbild soll die tiefsitzende Scham und das Gefühl „falsch“ oder „unzulänglich“ zu sein, kompensieren.

12 Beispiele: Wie sich narzisstisches Masking bei ADHS äußert

  1. Kompensation durch Perfektionismus: Betroffene präsentieren sich als genialer Visionär, womit diese von Flüchtigkeitsfehlern und chaotischem Verhalten ablenken.

  2. Impulsivität als Charisma: Unüberlegtes Handeln und impuslives Reden wird als „mutige Direktheit“ oder „dominante Führungskraft“ umgedeutet.

  3. Abwehr von Scham bei Vergesslichkeit: Wenn Termine versäumt werden, wird die Schuld aggressiv auf andere verschoben („Du hast mich nicht rechtzeitig erinnert“), um das Bild des Kontrollverlusts zu vermeiden.

  4. Hyperfokus als Desinteresse: Das ADHS-typische Versinken in eine Aufgabe wird als narzisstische Arroganz getarnt – man sei zu „wichtig“, um auf triviale Anfragen zu reagieren.

  5. Rejection Sensitivity Dysphoria (RSD): Die extreme ADHS-typische Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung wird durch narzisstische Entwertung des Gegenübers maskiert („Deine Meinung bedeutet mir ohnehin nichts“).

  6. Sinnsuche durch Grandiosität: Die innere Leere und Unruhe (Restlessness) wird durch ständiges Streben nach Bewunderung und neuen, grandiosen Projekten gefüllt.

  7. Pseudo-Dominanz in Gesprächen: Das Unterbrechen anderer (Symptom der Impulsivität) wird als Zeichen der eigenen Wichtigkeit und des Redebedarfs eines „Leaders“ inszeniert.

  8. Wut bei Strukturvorgaben: Regeln und Routinen, die das ADHS-Gehirn überfordern, werden als „Einengung des Genies“ abgelehnt und mit Aggression bekämpft.

  9. Vermeidung von Verantwortung: Aus Angst vor dem Scheitern an exekutiven Aufgaben (z. B. Steuern, Haushalt) wird eine Haltung der „Erhabenheit“ eingenommen, für die solche Aufgaben „zu profan“ sind.

  10. Manipulation zur Aufrechterhaltung der Hilfe: Andere werden manipuliert, Aufgaben zu übernehmen, während man selbst den Schein der Unabhängigkeit wahrt.

  11. Überlegenheit durch Wissen: Ein spezialisiertes ADHS-Interessengebiet wird genutzt, um andere herabzusetzen und die eigene intellektuelle Grandiosität zu zementieren.

  12. Flucht in die Opferrolle: Wenn ADHS-Symptome zu sozialen Konsequenzen führen, wird dies als gezielte Verfolgung oder mangelndes Verständnis für die eigene „Besonderheit“ umgedeutet.

Das „narzisstische Masking“ dient dazu, die Defizite in der Selbstorganisation und Aufmerksamkeit hinter einer Fassade von Überlegenheit und Unfehlbarkeit zu verbergen. Kritik an den ADHS-Symptomen wird dann nicht als sachlicher Hinweis, sondern als vernichtender Angriff auf den mühsam aufrechterhaltenen Schutzwall erlebt.

Welche Folgen hat die Verflechtung von ADHS und narzisstischen Persönlichkeitsstörung 

Der Preis für dieses Masking ist sehr hoch. Die eigentliche Krankheit ADHS bleibt hinter der narzisstischen Abwehr verborgen:

  • Diagnostische Blindheit: Therapeuten fokussieren sich oft nur auf die narzisstische Persönlichkeit

  • Soziale Isolation: Die Kombination aus ADHS-bedingter Unzuverlässigkeit und narzisstischer Entwertung vertreibt selbst engste Bezugspersonen.

  • Innerer Burnout: Die enorme Energie, die aufgewendet werden muss, um das Bild des „perfekten, grandiosen Selbst“ aufrechtzuerhalten, führt bei ADHS-Betroffenen schneller zur Erschöpfung.

  • Eskalationsspiralen: Da ADHS-Betroffene ohnehin zu emotionalen Ausbrüchen neigen, potenziert sich die narzisstische Wut zu unkontrollierbaren Krisen.

Bedeutung für die Behandlung von NPS und ADHS

Aufgrund der enormen Häufigkeit von Persönlichkeitsstörungen bei Menschen mit ADHS sollte unbedingt immer beides abgeklärt werden: Menschen, mit Verdacht von narzisstischer Persönlichkeitsstörung sollten also ebenso darauf „abgetastet“ werden, ob ADHS bestehen könnte.

Denn Menschen mit ADHS und NPS benötigen zu Beginn einer Psychotherapie eine ausführliche und detaillierte psychoedukative Aufklärung. Im Zuge dieser Aufklärung werden dann auch die Kränkungen und Verletzungen im Laufe der Kindheit in einem anderen Licht betrachtet.

Denn viele Menschen mit ADHS erleben sich als das „schwarze Schaf“ oder das „schwierige Kind“ und haben diese Bilder verinnerlicht. Eine Psychoedukation kann entlasten, indem es Antworten auf diese beiden Bilder liefert. Damit wird die Verantwortung für den überforderten Umgang von Eltern und Lehrerinnen mit ADHS völlig neu verteilt, und das (innere) Kind wieder für vollwertig und wertvoll betrachtet.

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